Meinungsstreitigkeiten

 

 

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III. Meinungsstreitigkeiten

 

Nochmals zur Frage des Beginns menschlichen Lebens: hier werden, wie bereits kurz erwähnt, verschiedenste Auffassungen vertreten. Im Folgenden werden die meisten dieser Auffassungen kurz dargestellt. Im Anschluss füge ich eine Stellungnahme an.

a) Konjugation

Nach der ganz herrschenden Auffassung wird bereits der Embryo ab der Konjugation vom Schutz des Art. 2 II 1 GG erfasst. In der Begründung ist diese Ansicht nicht einheitlich. Zum Teil wird darauf abgestellt, dass bereits der Embryo die Determination einer Persönlichkeit in sich trage und es in der weiteren Entwicklung keine so gravierenden Einschnitte gäbe, die eine Verschiebung des Lebensbeginns rechtfertige.

Ein anderer Teil richtet die Argumentation dahin, dass bereits artspezifisch menschliches Leben als Leben im Sinne des GG anzusehen sei.  

b) Nidation

Eine andere Ansicht stellt für den Zeitpunkt des Lebensbeginns auf den Vorgang der Nidation ab. Das Hauptargument der Vertreter dieser Ansicht ist, dass über 50% der befruchteten Eizellen die Nidationsstufe nie erreichen. Solange die Natur so verschwenderisch mit diesem "Leben" umgehe, sei ein Lebensschutz nicht gerechtfertigt.  

c) Individuation

Ab der Individuation, die am Ende der Nidation stattfindet, ist die Möglichkeit der Zwillingsbildung ausgeschlossen. Erst mit dem Verlust dieser Totipotenz sei individuelles und nicht nur artspezifisch menschliches Leben vorhanden und erst mit dieser Eigenschaft sei der Schutz des Lebens zu gewährleisten. Nehme man nur artspezifisches menschliches Leben als geschützt an, so müsse auch der Schutz anderer menschlicher Zellen, etwa der Eizelle oder jeder anderen Körperzelle, gewährleistet werden, denn diese stellten ebenfalls menschliches Leben dar.  

d) Emergenz des Bewusstseins

Diese Ansicht über den Lebensbeginn im Sinne des Art. 2 II 1 GG zieht eine Parallele zu der Hirntoddefinition am Ende des Lebens, womit der Tod des Menschen mit dem Ende aller Hirnaktivitäten eintritt. Anknüpfend an diese Definition wird verlangt, für den Beginn des Lebens sei das Vorliegen erster organspezifischer Funktionen des Gehirns entscheidend. Zwar müssten die geistigen Fähigkeiten nicht voll ausgereift sein, die organischen Grundlagen müssten jedoch vorhanden sein. Dies sei ab dem 70. Tag p.c. anzunehmen. Um jedoch ganz sicher zu gehen, sei das Vorliegen dieser organischen Grundlagen etwa ab dem 57. Tag p.c. anzusetzen.

Die reine potentielle Fähigkeit des Embryos, zur Person zu werden, reiche für einen Lebensschutz nicht aus.

e) erste Körperbewegung

Einem psychologischen Ansatz nach ist für den Beginn des Lebensschutzes der Zeitpunkt entscheidend, in dem sich der Embryo zum ersten mal bewegt. Ab diesem Zeitpunkt sei von einer engeren psychischen Bindung der Mutter an den Embryo auszugehen.

Dieser Zeitpunkt sei etwa ab der 16. SSW zu erwarten.  

f) Lebensfähigkeit außerhalb des Mutterleibes

Wiederum einen anderen Zeitpunkt wählt die Auffassung, die auf die Fähigkeit des Embryos abstellt, außerhalb des Mutterleibes, also extrauterin, zu überleben. Dies sei ein erheblicher Einschnitt in der Entwicklung des Embryos, so dass eine rechtliche Andersbeurteilung gerechtfertigt sei.  

g) Geburt

Der augenscheinlich gravierendste Einschnitt in der Entwicklung des Kindes ist dessen Geburt.

Diese Phase wählt eine weitere Meinung in der Literatur. Die Begründung für das Lebensrecht könne nur im personalen Element des Menschen gefunden werden. Dies bedeute in dem Ich-Bewusstsein und der Rationalität. Der Mensch werde zum Mensch durch Bedürfnisse, Interessen und das Bewusstsein einer Zukunft. Deshalb reiche eine potentielle Personenhaftigkeit nicht aus.

Die aufgezeigten Elemente der Personenhaftigkeit lägen etwa ab dem zweiten Lebensjahr vor. Diese ließen sich aber nicht eindeutig feststellen; deshalb sei Lebensschutz ab der Geburt zu gewähren, da dies der einzig wirklich exakt feststellbare Zeitpunkt sei.  

h) Fähigkeit zu autonomer Entschlussfassung

Ähnlich wie die vorstehende Ansicht, jedoch diesen Gedanken weiterführend, stellt eine weitere Auffassung auf die Fähigkeit des Kindes ab, weiterleben zu wollen. Dem Fötus mangele es sowohl an Rationalität als auch an Bewusstsein. Somit liege kein personales Leben vor, demnach könne diesem auch nicht der Schutz, der einer Person gewährt werde, zuerkannt werden.

Aufgrund legislatorischer Maßnahmen dürfe das Lebensrecht jedoch nur innerhalb einer knapp bemessenen Zeitspanne nach der Geburt verweigert werden, etwa innerhalb des ersten Monats nach der Geburt.

Voraussetzung für Abtreibung und Kindstötung sei jedoch, dass die dem Kind nahestehenden dieses nicht annehmen wollten.  

i) Die Stellung des BVerfG

Das BVerfG hat die Entscheidung darüber, ab wann menschliches Leben beginnt, offengelassen. In seiner ersten Abtreibungsentscheidung hat es lediglich festgestellt, dass menschliches Leben nach den bestehenden, gesicherten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen jedenfalls ab der Nidation/Individuation bestünde. Somit ist hieraus keine neue Erkenntnis für die hier zur Diskussion stehenden Ansichten zu gewinnen, außer, dass das BVerfG jeder Definition, die nach dem Zeitpunkt der Individuation ansetzen will, eine Absage erteilt.

 

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Letztes Update: 17. Juni 2001